Bewertung

Bankbewertung beim Hausverkauf: Wie der Verkehrswert entsteht

Wenn ein Käufer eine Hypothek beantragt, schätzt seine Bank die Liegenschaft unabhängig vom Angebotspreis. Wie Banken vorgehen und was Verkäufer wissen sollten.

Aktualisiert Juni 20264 min Lesezeitkontakt@maklervermittlung.ch
Weisses Wohngebäude mit blauen Fensterläden vor einem Schweizer Alpengipfel

Die Bankschätzung ist einer der entscheidenden Momente im Hausverkauf – und einer der am häufigsten unterschätzten. Wenn ein Käufer eine Hypothek beantragt, bewertet seine Bank die Liegenschaft selbstständig und unabhängig vom Angebotspreis. Das Ergebnis dieser Schätzung bestimmt, wie viel Hypothek die Bank bewilligt. Liegt der Verkehrswert der Bank unter Ihrem Verkaufspreis, muss der Käufer die Differenz aus Eigenkapital decken – oder vom Kauf absehen.

Was ist der Verkehrswert?

Als Verkehrswert bezeichnet man laut UBS den Preis, der sich für eine Liegenschaft innerhalb von zwölf Monaten unter Marktbedingungen erzielen lässt. Banken verwenden diesen Wert – nicht den Angebotspreis und nicht Ihren Wunschpreis – als Basis für die Hypothekenvergabe. Die maximale Belehnung beträgt in der Schweiz in der Regel 80 Prozent des Verkehrswertes.

Das ist kein kleiner Unterschied. Wenn die Bank ein Haus auf 900'000 Franken schätzt, Sie aber 980'000 Franken verlangen, dann berechnet die Bank das 80-Prozent-Limit auf Basis von 900'000 Franken. Der Käufer erhält maximal 720'000 Franken Hypothek – und braucht plötzlich 260'000 Franken Eigenkapital statt der erwarteten 196'000 Franken.

Die drei Schätzmethoden im Überblick

Banken wenden in der Schweiz drei Verfahren an, je nach Liegenschaftstyp:

Hedonische Methode

Die hedonische Methode ist das Standardverfahren für Wohneigentum – Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen. Laut Raiffeisen fliessen rund 20 objektspezifische Merkmale (Wohnfläche, Zimmeranzahl, Baujahr, Zustand, Ausbaustandard) sowie rund 50 lagespezifische Kriterien in die Berechnung ein. Das Modell vergleicht Ihre Liegenschaft mit tausenden realer Transaktionsdaten und errechnet daraus einen statistisch fundierten Wert.

UBS setzt dabei auf ein gemeinsam mit Wüest Partner entwickeltes Modell, das laut UBS jährlich rund 20'000 Transaktionen auswertet – das entspricht etwa der Hälfte aller in der Schweiz gehandelten Wohnliegenschaften. Bei Standardobjekten in durchschnittlichen Lagen liegt die Abweichung typischerweise unter 10 Prozent vom tatsächlichen Marktpreis.

Realwertmethode

Für besondere Liegenschaften ohne ausreichende Vergleichstransaktionen – etwa historische Gebäude, Spezialimmobilien oder Objekte mit sehr grossem Umschwung – verwenden Banken die Realwertmethode. Sie addiert den Landwert und den Zeitbauwert (Erstellungskosten des Gebäudes minus Altersentwertung). Diese Methode ergibt oft konservativere Werte und kann merklich unter dem gefühlten Marktwert liegen.

Ertragswertmethode

Mehrfamilienhäuser und Renditeliegenschaften werden nach dem Ertragswertprinzip bewertet: Der nachhaltig erzielbare Mietertrag wird durch einen Kapitalisierungssatz geteilt. Je tiefer der Kapitalisierungssatz – heute je nach Lage und Zustand oft zwischen 3,5 und 5 Prozent – desto höher der resultierende Ertragswert.

Wann die Bankschätzung unter dem Angebotspreis liegt

In einem Markt mit deutlich steigenden Preisen – Raiffeisen verzeichnete im ersten Quartal 2026 einen Jahrespreisanstieg von 4,9 Prozent für Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen – kann die Bankschätzung systematisch hinter dem aktuellen Marktpreis zurückbleiben. Transaktionsdatenbanken sind immer eine Momentaufnahme der Vergangenheit.

Typische Situationen, in denen die Bankschätzung tiefer ausfällt als der Angebotspreis:

  • Aussergewöhnliche Lage: Seeblick, Hanglagen oder Toplagen ohne genügend Vergleichsobjekte im Modell
  • Frisch renovierte Objekte: Hochwertige Sanierungen werden von Algorithmen oft nicht vollständig erfasst
  • Lokale Preisspitzen: In Regionen mit sehr starker Nachfrage und wenigen Transaktionen – Tourismusorte, exklusive Gemeinden – liegen Marktpreise häufig über dem statistischen Verkehrswert
  • Spezialimmobilien: Architektenhäuser, besondere Grundrisse oder ungewöhnliche Konstruktionen
Eine tiefere Bankschätzung ist kein Urteil über den Wert Ihrer Liegenschaft – sie ist das Ergebnis eines statistischen Verfahrens auf Basis vergangener Transaktionen.

Was Verkäufer konkret tun können

Vorabschätzung einholen. Bevor Sie einen Angebotspreis festlegen, lohnt es sich, eine unabhängige Schätzung einzuholen – zum Beispiel über einen zertifizierten SVIT-Schätzer oder die Schätzungsdienste des HEV Schweiz. Diese Schätzung gibt Ihnen ein realistisches Bild und hilft, Preisvorstellungen mit dem abzugleichen, was Banken tatsächlich bewilligen.

Anlagekosten dokumentieren. Wertvermehrende Investitionen der letzten Jahre – neue Heizung, Dacherneuerung, Küchen- oder Badsanierung – beeinflussen die Bankschätzung positiv, wenn sie mit Belegen nachgewiesen werden können. Ein vollständiges Büchlein über alle Investitionen hilft nicht nur der Bank, sondern ist auch bei der Grundstückgewinnsteuer von Vorteil.

Mehrere Banken berücksichtigen. Verschiedene Banken verwenden unterschiedliche Schätzmodelle. Eine Bewertungsdifferenz von 5 bis 10 Prozent zwischen Instituten ist möglich. Ihr Käufer kann bei einer anderen Bank ein günstigeres Schätzungsergebnis erzielen – und das Geschäft doch noch abschliessen.

Finanzierungslücke frühzeitig ansprechen. Wenn Ihre Liegenschaft für besondere Merkmale bekannt ist, sollten Sie in frühen Gesprächen mit Kaufinteressenten das Thema Eigenkapital ansprechen. Ein Käufer, der nicht ausreichend Mittel mitbringt, scheitert trotz Kaufwillen an der Bank.

Quellen