Steuern

Tessin bremst Steuerfolgen bei neuen Immobilien-Schätzwerten

Das Tessin hat entschieden: Steigende amtliche Schätzwerte sollen künftig nicht automatisch zu höheren Steuern führen. Was das für Eigentümer bedeutet.

Aktualisiert August 20264 min Lesezeitkontakt@maklervermittlung.ch
Tessiner Dorf mit roten Ziegeldächern hoch über einem See, umgeben von Bergen

Wer im Tessin eine Liegenschaft besitzt oder verkaufen will, hat am 14. Juni 2026 an der Urne über eine Frage abgestimmt, die in den meisten anderen Kantonen kaum je zur Abstimmung kommt: Was passiert steuerlich, wenn die amtlichen Schätzwerte von Grundstücken plötzlich stark steigen? Mit 74 Prozent Ja-Stimmen hat das Tessin eine Verfassungsinitiative angenommen, die genau das regeln soll – und liefert damit ein Modell, das auch für Eigentümerinnen und Eigentümer in anderen Kantonen interessant ist, wo die Schätzwerte ebenfalls unter Druck stehen.

Was am 14. Juni entschieden wurde

Die Initiative «Sì alla neutralizzazione dell'aumento dei valori di stima» verlangt, dass eine Neubewertung der amtlichen Liegenschaftsschätzungen nicht automatisch zu höheren Steuern oder tieferen Sozialleistungen führen darf. Laut SRF stimmten 78'885 Personen (74,0 Prozent) dafür und 27'709 (26,0 Prozent) dagegen, bei einer Stimmbeteiligung von 50,7 Prozent. Getragen wurde das Anliegen von einer breiten, ungewöhnlichen Allianz aus SVP, Lega dei Ticinesi, FDP und Teilen der Mitte – Parteien, die sich sonst selten auf ein gemeinsames Begehren einigen.

Warum die Schätzwerte überhaupt steigen

Der Auslöser liegt nicht im Tessin selbst, sondern in Lausanne: Das Bundesgericht verlangt seit Jahren, dass amtliche Liegenschaftsschätzungen mindestens 70 Prozent des effektiven Marktwerts erreichen. Im Tessin lagen sie bisher bei rund 40 Prozent, wie der Corriere del Ticino am 27. Mai 2026 berichtete – eine Lücke, die der Kanton schliessen muss. Eine erste lineare Anpassung um 15 Prozentpunkte wurde bereits im Budget 2026 beschlossen und bringt die Werte auf rund 55 Prozent; die grosse Generalrevision, die auf mindestens 70 Prozent zielt, ist bis 2035 vorgesehen.

Die Grössenordnung ist beträchtlich: Eine vollständige Angleichung an den Marktwert ohne Ausgleichsmassnahmen würde laut derselben Quelle jährlich rund 431 Millionen Franken zusätzliche Einnahmen generieren – 404,5 Millionen an höheren Steuern und 25,5 Millionen an gekürzten Sozialleistungen, aufgeteilt auf Kanton (228,9 Millionen) und Gemeinden (202,1 Millionen).

Der Kern des Problems: Eine höhere amtliche Schätzung macht Eigentümerinnen und Eigentümer auf dem Papier reicher, ohne dass ihr tatsächliches Einkommen steigt – trotzdem greift sie in Vermögenssteuer, Liegenschaftssteuer und in einkommensabhängige Leistungen wie Prämienverbilligungen oder Ergänzungsleistungen ein.

Was «Neutralisierung» konkret heisst – und was nicht

Die Initiative schafft keinen dauerhaften Deckel auf die Schätzwerte. Sie verpflichtet den Kanton, bei jeder künftigen Neubewertung zuerst die finanziellen Folgen für Steuern und Sozialleistungen zu berechnen und dann politisch zu entscheiden, wie diese Folgen abgefedert werden – etwa über tiefere Steuersätze oder angepasste Berechnungsfaktoren, statt die höheren Werte unverändert durchschlagen zu lassen.

Wie umfangreich dieser Umbau wird, zeigt eine Recherche von RSI vom 16. Juni 2026: 32 Gesetze und Verordnungen müssen überarbeitet werden, von der kantonalen Liegenschaftssteuer über Prämienverbilligungen bis zu AHV/IV-Ergänzungsleistungen und Ausbildungsbeiträgen. Regierungsrat Christian Vitta sprach gegenüber RSI von einem «Massnahmenpaket», das erst als Ganzes die Antwort der Stimmbevölkerung umsetze. Die Detailarbeit beginnt jetzt im Grossen Rat – mit Referendumsmöglichkeit, was den Prozess bis zur Generalrevision 2035 noch Jahre beschäftigen dürfte.

Was das für Eigentümerinnen und Eigentümer im Tessin bedeutet

Wichtig für alle, die aktuell im Tessin besitzen oder verkaufen: Die Neutralisierung wirkt erst bei der grossen Revision bis 2035, nicht rückwirkend auf die bereits beschlossene Erhöhung um 15 Prozentpunkte im laufenden Budget. Wer 2026 die Steuerrechnung erhält, sieht also schon einen höheren Schätzwert – nur die nächste, grössere Stufe soll künftig nicht mehr automatisch durchschlagen.

  • Der amtliche Schätzwert beeinflusst im Tessin vor allem die Vermögenssteuer und die kantonale Liegenschaftssteuer, nicht den Verkaufspreis selbst.
  • Bei einem Verkauf lohnt sich ein Blick auf den aktuellen Schätzwert der Liegenschaft – er ist ein Indikator dafür, wie stark die laufenden Steuerkosten für die Käuferschaft in den kommenden Jahren steigen könnten.
  • Wer eine Liegenschaft länger hält, sollte die politische Debatte um die 32 Gesetzesanpassungen im Grossen Rat im Auge behalten, da sie über mehrere Jahre die effektive Steuerlast mitbestimmt.

Ein Modell für andere Kantone?

Das Grundproblem ist nicht auf das Tessin beschränkt: Mehrere Kantone haben amtliche Werte, die deutlich unter dem geforderten Bundesgerichts-Minimum liegen, und stehen früher oder später vor derselben Neubewertung. Der Tessiner Ansatz – Neubewertung ja, automatische Steuerfolgen nein – zeigt eine politische Alternative zu Kantonen, die eine Aufwertung ohne systematischen Ausgleich beschliessen. Ob andere Kantone diesem Beispiel folgen, dürfte auch davon abhängen, wie das Tessiner Parlament die 32 Gesetzesanpassungen in den kommenden Jahren tatsächlich umsetzt.

Quellen